Köln ist unterwandert

Seit gut einem Jahr bin ich Mitglied bei XING. Obwohl ich von sozialen Netzwerken eigentlich nicht viel halte – zumal im Businessbereich – habe ich mich im Juni 2009 angemeldet. “Vielleicht hilft es ja bei der Jobsuche”, habe ich mir gedacht. “Und sobald ich einen solchen gefunden habe, werde ich mich dort nie mehr einloggen”.

Das hat bislang nicht geklappt und so bin ich weiterhin das, was man als “aktives XING-Mitglied” bezeichnet. Gestern dann, 18:21 Uhr, bekomme ich eine Kontaktanfrage von einer mir unbekannten jungen Dame namens Lena – leider handelt es sich nicht um die Grand Prix-Gewinnerin aus Hannover.

Als Grund für ihre Kontaktanfrage schreibt Lena:
“Hallo Ich bin neu in der SEO-Szene aus Köln viele Grüsse.”

Oha. SEO-Szene aus Köln? Ist mir was entgangen? Als Online-Redakteur weiß ich zwar, dass mit dem Kürzel die Suchmaschinen-Optimierung (engl. search engine optimization) von Websites gemeint ist. Schleierhaft war mir aber bislang, dass es dafür eigens eine Szene gibt.

Die Neuronen in meinem Gehirn senden wahre Impuls-Feuerwerke aus: Was tut diese Szene? Bin ich jetzt “out”, weil ich sie nicht kenne? Operiert sie offen oder treibt sie ihr Unwesen im Untergrund? Bei der nächsten Fahrt mit den KVB werde ich mal einen Blick in den U-Bahn-Tunnel werfen – vielleicht entdecke ich ja was.

Völlig verunsichert ob der potentiellen Unterwanderung der Kölner Innenstadt wende ich mich an einen ehemaligen Kommilitonen und Freund. Er ist ebenso ratlos und bringt den Gedanken ins Spiel, wie sich wohl die Kölner SEO-Szene von der in Düsseldorf unterscheidet. Wir kommen zu keiner Antwort.

Ich bleibe verstört zurück. Meine Freundin rät mir, mich nicht der unbekannten Lena auszuliefern. Ich stimme ihr zu. Außerdem habe ich keine Lust, der 155ste Kontakt einer Person zu sein, die ein nichtssagendes XING-Profil ohne Inhalt betreibt. 18:53. Ich lehne die Kontaktanfrage von Lena ab. Ich fühle mich besser. Aber ein Rest von Zweifel bleibt.

Drama einer Bestellung

Danke DHL. Danke für den Streß. Ab sofort nur noch PACKSTATION !

Offener Brief an Frau Merkel

Betreff: Bundespräsident

Hallo Frau Merkel, merken Sie’s nicht?

Merken Sie nicht, dass Sie mit dem Vorschlag von Herrn Wulff die Mehrheit des Volkes gegen sich aufbringen? Merken Sie nicht, dass Sie in der Bevölkerung Poltikverdrossenheit schüren und Mutlosigkeit befördern? Merken Sie nicht, welch miserables Bild Ihrer selbst Sie gerade abgeben?

Nein, Sie merken offensichtlich gar nichts mehr. Deshalb erkläre ich mich gerne bereit, Ihnen als Bürger, Wähler und Steuerzahler einmal näher zu erläutern, wo Sie eigentlich gerade stehen.

Am 31. Mai ist dem Land der Bundespräsident abhanden gekommen und das auf eine Weise, die beispiellos war und ist. Viele Beobachter aus Poltik und Journalismus haben nicht mit Kritik gespart, während die Bürger eher enttäuscht darüber waren, dass der Mann, den sie so mochten, einfach aufgibt. Es hatte sich ein Vakuum aufgetan, die Menschen suchten nach Orientierung, wie es nun weitergeht und vor allem: mit wem.

Es ist durchaus berechtigt, in der jetztigen Situation von einer Staatskrise zu sprechen, denn der Rücktritt des Bundespräsidenten ist ja nun leider kein singuläres Ereignis. Vielmehr reiht er sich ein in eine lange Kette von weiteren politischen und natürlich wirtschaftlichen Krisen der letzten Jahre: Reformstau auf allen Ebenen, Bankenpleiten, Rezession, ausufernde Staatsfinanzen und seit Kurzem die Instabilitäten in der Europäischen Union und des Euro, um nur die wichtigsten Probleme zu nennen.

In einer solchen Situation erwarte ich von einer Bundeskanzlerin, die einst “Kanzlerin aller Deutschen” sein wollte, überlegtes und verantwortungsvolles Handeln. Wenn es denn schon sein muss, dass die notwendige Mehrheit in der Bundesversammlung bereits vor deren Zusammentritt gesichert ist, dann sollte der Kandidat für das höchste Staatsamt eine Persönlichkeit sein, die ein paar Voraussetzungen mitbringt: Er sollte Parteien übergreifend mehrheitsfähig sein, weil eine Staatskrise kein guter Zeitpunkt für Parteipolitik ist. Er sollte im Volk hohes Ansehen genießen und durch alle Regionen und gesellschaftlichen Schichten akzeptabel erscheinen, weil die Menschen sich nach einem Präsidenten sehnen, der verbindet statt spaltet, der komplizierte Sachverhalte verständlich erklären kann und der vor allem eines kann: Hoffnung geben. Hoffnung darauf, dass da einer ist, der sich kümmert, der die Leute versteht und der es vermag, in Zeiten großer Orientierungslosigkeit eine Leitfigur für die Menschen zu sein. Joachim Gauck ist so eine Persönlichkeit.

Sie, Frau Merkel, haben sich bei der Auswahl ihres Kandidaten jedoch von ganz anderen Motiven leiten lassen. Sie haben sich geweigert, die ausgestreckte Hand der Opposition zu ergreifen und mit Herrn Gauck ein Signal der Partnerschaft und Integration auszusenden. Sie wollten die Angelegenheit schnell vom Tisch haben und haben mit einem Schnellschuss versucht, Ihre Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Dabei erkennt doch Jeder in diesem Land, dass Sie aufgrund der Probleme in der Koalition und in Europa schwer angeschlagen sind. Horst Köhler hat Sie mit seinem Rücktritt zudem komplett überrumpelt.

Glauben Sie im Ernst, die Bürger sind auch nur ansatzweise von Ihrer vermeintlichen Handlungsfähigkeit beeindruckt? Was möchten Sie uns mit der Nominierung von Herrn Wulff eigentlich genau sagen? Daß Sie einen bislang eher unauffällig agierenden Ministerpräsidenten ins Schloß Bellevue zu bringen vermögen, der den Charme eines Schlafwagenschaffners hat und bei öffentlichen Auftritten genau dieselben Verlegenheitsgesten der Unsicherheit präsentiert wie Sie selbst? Das ist nun wahrlich keine große Leistung, das hätte jeder CDU-Kreisvorsitzende hinbekommen.

Für Sie war es offenbar nur wichtig, gewisse Teile Ihrer Partei mit einem Konservativen zu beruhigen und sich nach dem angekündigten Rückzug von Roland Koch gleichzeitig elegant Ihres letzten verbliebenen innerparteilichen Kontrahenten zu entledigen. Glückwunsch, Frau Merkel: Das ist Ihnen tatsächlich gelungen. Auch die Nebelkerze mit Frau von der Leyen war an Brillianz kaum zu übertreffen.

Ich hoffe sehr, dass Ihr Schuss nach hinten losgeht und mit Herrn Gauck der bessere Kandidat für unser Land gewählt wird. Sie werden natürlich versuchen, die Begeisterungsstürme, die derzeit in den Fraktionen und Landesverbänden von CDU, CSU und FDP für Joachim Gauck aufkommen, möglichst klein zu halten. Ich bin gespannt, ob die Delegierten aus den Bundesländern – wie in der Vergangenheit üblich – aus allen gesellschaftlichen Bereichen stammen, oder ob der Anteil der Berufspolitiker am 30. Juni exorbitant höher sein wird als in frühreren Bundesversammlungen. Die Fraktionschefs Kauder und Homburger werden sicherlich mit Hilfe des Fraktionszwangs nachdrücklich auf Geschlossenheit unter den Bundestagstagsabgeordneten hinwirken.

Mag sein, dass Sie damit Herrn Wulff zum Erfolg verhelfen und diesen Erfolg anschließend für sich selbst verbuchen werden – wie schon 2004, als Sie in Westerwelles Wohnung die Wahl von Horst Köhler “organisiert” haben. Sie werden Deutschland einen Bundespräsidenten liefern, von dem wenig Identifikationspotential für die Menschen ausgeht. Vielmehr wird er ein williger Unterschriftenautomat für Ihre Regierungskoalition sein. Ansehen, Autoriät und vor allem Glaubwürdigkeit wird Ihnen dieses parteitaktische Gemauschel leider auch im zweiten Anlauf nicht verschaffen. Dabei bräuchten Sie diese Glaubwürdigkeit dringend, wenn Sie heute Abend die Ergebnisse der zweitätigen Klausur zur Haushaltskonsolidierung bekannt geben. Nach Jahren des Stillstandes in der Großen Koalition und dem miserablen Start in Ihre zweite Amtszeit erwarten die Bürger in Deutschland endlich einmal Führungsstärke. Führungsstärke ohne Glaubwürdigkeit funktioniert aber leider nicht.

Wobei Führungsstärke ist ja ohnehin nicht Ihr Ding ist. Sie warten lieber ab und beobachten, in welche Richtung sich die Mehrheit der Beteiligten aufmacht. Dann eilen Sie nach vorne, setzen sich an die Spitze der Bewegung und erklären eben diese Richtung zu Ihrem eigenen Standpunkt – die Mehrheit haben Sie ja dann praktischerweise schon hinter sich. So “gestalten” Sie Politik. Und ausgerechnet in dem einen, dem speziellen Fall, wo genau diese Vorgehensweise sinnvoll und angemessen gewesen wäre, wo Sie statt drei Tage drei Wochen Zeit gehabt hätten, einen Kandiaten auszuwählen, produzieren Sie einen solchen unüberlegten Schnellschuss.

Aber wer nichts merkt, der hört im Zweifelsfall auch keinen Schuss – und wenn’s der eigene Schnellschuss ist. Ich kann Ihnen nur eins versprechen: Sollte Ihre Taktik mit Herrn Wulff nicht aufgehen und sich einige Mitglieder der Bundesversammlung eher dem Volk oder ihrer eigenen Meinung statt der Fraktionsdisziplin verpflichtet fühlen – dann, Frau Merkel, haben Sie wirklich ein Problem. Dann sind Sie politisch erledigt. Und dann hören Sie auch den Schuss und merken wieder was. Nur wird es dann leider zu spät sein.

Cool versus uncool

Der 11. September 2001 ist wieder da. Zumindest als Vergleich. Und da der 11. September alles seit dem Zweiten Weltkrieg Dagewesene in den Schatten gestellt hat, muss offensichtlich ein wirklich dickes Ding passiert sein. Unglaubliche Auswirkungen auf die Aktienkurse und Volkswirtschaften dieser Welt werden im Fernsehen angekündigt. Und alles ist viel schlimmer als nach dem 11. September. Nostradamus hätte seine helle Freude gehabt. Und das alles wegen einem Vulkanausbruch, der im Vergleich zu anderen seiner Art absolut unspektakulär ist. Es gibt keine Toten, keine zerstörten Städte, keine pyroklastischen Ströme, keine Erdbeben oder Tsunamis. Stattdessen wurden gerade einmal 500 Einwohner in Turnhallen evakuiert und eine Straße überflutet.

Eine Marginalie – wäre da nicht diese Aschewolke.

Ausbruch des Eyjafjallajökull, Island
Foto: AP Photo/Brynjar Gauti via Spiegel Online

Seit mehreren Tagen ist der Flugverkehr innerhalb, von und nach West- und Nordeuropa weitgehend eingestellt. Die Folgen: gestrandete Urlauber, abgesagte Geschäftsreisen, liegengebliebene Fracht. Nach anfänglicher Orientierungslosigkeit bekommen die beteiligten Spieler das Chaos zunehmend in den Griff, die Menschen ersinnen Alternativlösungen: Video-Konferenzen werden gehalten, Fahrgemeinschaften bei Mietwagenfirmen organisiert, die Bahn setzt längere Züge ein, Reiseunternehmen organisieren Hotelzimmer. Man hat den Eindruck, dass die Situation zwar lästig, aber ertragbar ist. Zumindest seit klar ist, dass es nicht nur um ein oder zwei Tage geht. Was bleibt den Menschen auch anderes übrig? Gegen die Natur zieht auch modernste Technik immer mal wieder den Kürzeren – und das ist auch gut so.

Zu leicht gerät in unserer modernen Welt das Selbstverständliche zum Unverzichtbaren. Bereits vor einigen Jahren gab es mehr Handys als Einwohner in Deutschland, und eine große Anzahl von Menschen konnte sich nicht mehr vorstellen, auch nur einen Tag ohne diese vermeintliche Errungenschaft auszukommen. Dabei hatte noch vor 15 Jahren kaum jemand ein solches Gerät – und in der Schule wurden Hausaufgaben noch ohne Wikipedia gemacht. Man lebte und war zufrieden. Und heute? Da beginnt das große Heulen und Zähneklappern, wenn die Technik mal nicht zur Verfügung steht. Die Technik, die den Menschen zweifelsohne vieles erleichtert und sie neue Wege gehen lässt, aber eben auch abhängig macht. Diese zweite Seite der Medaille ruft uns die jetztige Situation im Luftverkehr nun schlagartig ins Gedächtnis.

Zum Glück nehmen es die meisten Leute gelassen und versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Humor hilft da vielfach weiter. Selbst die Kanzlerin, üblicherweise alles andere als ein Spaßvogel, soll bei ihrer Rückreise aus den USA gut gelaunt gewesen sein. San Francisco – Berlin via Lissabon, Rom und Bozen: Über 1.000 Kilometer fuhren sie und ihre Entourage mit dem Bus. Regiert hat sie dabei in bekannter Manier per SMS und Telefon. Geht alles.
Ausnahmsweise gebührt ihr an dieser Stelle einmal das Prädikat COOL!


Foto: Bundesregierung / Bergmann +++(c) dpa – Bildfunk+++

Nur die Fluggesellschaften haben was zu Motzen. Natürlich ist es unschön, wenn ihr Geschäftsmodell ein paar Tage zum Erliegen kommt. Und dass es die Unternehmen täglich Millionen kostet, wenn ihre Maschinen nicht in der Luft sind, ist die logische Konsequenz daraus. Doch anstatt es wie die Kanzlerin zu halten, haben Lufthansa und AirBerlin nichts besseres zu tun, als einen Schuldigen zu suchen, den sie beschimpfen können. Da die Natur für solche Aktionen naturgemäß (!) wenig empfänglich ist, müssen jetzt Politik, die Deutsche Flugsicherung als verantwortliche Behörde und die Metorologen dran glauben.

Ja, es stimmt: Alle Daten, auf denen die bisherigen Sperranordnungen für den Luftraum und damit für die Flughäfen in Deutschland beruhen, stammen nicht von tatsächlichen Messungen vor Ort, also innerhalb der Aschewolke. Sie sind vielmehr das Ergebnis von Computerberechnungen, die sich auf die Daten der verschiedenen Satellitenradars der Meteorologen stützen. Erst am heutigen Tage soll ein Messflugzeug direkt in der Wolke messen.

Die Kritik der Fluggesellschaften bezieht sich genau hierauf. Man habe viel zu lange mit der konkreten Messung gewartet und sich bei den Entscheidungen nur auf hypothetische Zahlen berufen. Die Auswirkungen seien im Gegensatz dazu jedoch sehr real und lassen sich in Cash messen. Und an diesem Punkt verliert die Kritik ihre Objektivität. Es entsteht der Eindruck, mit zwei bis drei Tagen hätten sich die Unternehmen noch abfinden können, mit steigenden Verlusten aber nehmen sie die Sache zunehmend krumm. Bloß wem? Denn nach wie vor hat niemand Schuld an diesem Vulkanausbruch. Nicht einmal die Al Kaida ist so mächtig – trotz einiger im Netz kursierenden, nicht ganz ernst gemeinten Verschwörungstheorien.

“Es kann doch nicht sein…”, “..aber es muss doch…”, …”es gibt keine Beweise, dass es wirklich…”.

So oder ähnlich lautet die unausgesprochene Botschaft der Mächtigen, die ihre Pfründe schwinden sehen. Ganz richtig, es gibt keine Beweise – weder für noch gegen die Gefährlichkeit der Aschewolke. Und deshalb entscheidet die Deutsche Flugsicherung im Zweifelsfall für Sicherheit und gegen Profit. Natürlich kann man kritisieren, dass verlässliche Messungen nicht sofort durchgeführt wurden, sondern erst am heutigen Tage. Aber verpasste Chancen der Vergangenheit zu beklagen, ist sicher nicht zielführend. Es sei denn, interessierte Kreise möchten die Politik dafür zu Schadenersatz heranziehen.

Ein solche Einstellung zeugt von niedriger Moral und schlechtem Charakter. Dieselben Manager wären die ersten, die bei einem eventuellen Flugzeugunglück die Schuld auf die Behörden abgeschoben hätten. Und die Kosten für die Messflüge zahlen auch nicht die Fluggesellschaften, sondern die Allgemeinheit. Aber dieses Verhalten ist aus der Wirtschaft bekannt: “Geht nicht, gibt’s nicht.” Mit dieser ebenso weit verbreiteten wie abstrusen Einstellung bedrängen Führungskräfte seit Jahr und Tag ihre Untergebenen. Weil sie kein “Nein” akzeptieren. Weil sie glauben, mit Geld ginge alles. Weil sie sich nicht bescheiden können. Weil sie ungeduldig, gierig und herrschsüchtig sind.

Und genau deshalb springen sie jetzt aus der Hose: Weil ihr operatives Geschäft leidet. Dabei gehört es zum ganz normalen Risiko eines jeden Kaufmannes, dass der Markt sich auch mal ändert und heute falsch sein kann, was gestern noch richtig war. Sowas nennt man Leben. Und der angebliche Schaden für die Volkswirtschaft ist doch bloß vorgeschoben: Die Deutsche Bahn AG, sämtliche Mietwagen-Firmen, Busunternehmen und Hotels – sie alle profitieren von der momentanen Situation und machen satte Geschäfte. Gut für die Volkswirtschaft. “Was der eine gewinnt, muss der andere verlieren. Das Ganze ist ein Nullsummenspiel”, wußte schon 1984 der legendäre Gordon Gekko. Kaum zu glauben, dass diese Weisheiten den CEOs von Lufthansa und AirBerlin nicht bekannt sind.
Jungs, Ihr seid einfach nur UNCOOL!

Von Köln nach Dresden – für eine Nummer

Zum 1. Februar bekommen wir wieder neue Nachbarn – mal wieder. Grund für den Auszug von M. und S. ist eheliche Untreue. Das unterscheidet diese Geschichte von der von S. und T. Die waren vor ein paar Jahren neben uns eingezogen, hatten sich die Wohnung hübsch eingerichtet und dann kam irgendwann Töchterchen J. zur Welt. Eine andere Wohnung musste her, soweit so gut.

Die Geschichte schien sich zu wiederholen. Vor gut zwei Jahren zogen M. und S. ein, richteten sich die Wohnung ein und beschlossen dann alsbald zu heiraten. Nur ein paar Monate später war auch bei ihnen Nachwuchs unterwegs. Vieles änderte sich nun in ihrem Leben: Die beiden Autos und das Motorrad wurden verkauft, stattdessen ein kindgerechter Kombi angeschafft und Babyausstattung organisiert.

Im Sommer 2009 kam Sohn T. zur Welt. Alles schien prima – bis letzten Freitag. Ich komme nach Hause und finde im Treppenhaus einen handgeschriebenen Zettel vor, der den Auszug von M. für den folgenden Mittwoch ankündigt: Sorry für den Lärm, bitte die Autos auf der Straße parken, etc. pp.

Oha, wenn M. ohne ihren Mann S. auszieht, dann muss ja wohl was passiert sein. Nachdem der Umzug über die Bühne war, traf ich die Nachbarin aus dem Erdgeschoss, A., im Treppenhaus. A. weiß grundsätzlich immer über alles im Haus Bescheid und ist als Informationsquelle besser als der legendäre “Deep Throat”.

Die (unglaublichen) Fakten lauten:
Eine Woche (!) nach der Geburt des gemeinsamen Kindes ist Ehemann S. unter einem Vorwand in seine alte Heimatstadt Dresden gefahren. Seine Kumpels sorgten für die entsprechende Tarnung der Geschichte. Dort hat sich S. dann mit einer ihm bis dato persönlich nicht bekannten Frau vergnügt, die er über das Internet kennengelernt hat. Die ahnungslose M. saß indes zu Hause, kurierte die Nachwehen aus und versorgte Sohn T.

Irgendwie ist S. dann aber wohl doch aufgeflogen, und da es scheinbar nicht das erste Mal war, beschloss M., sich zu trennen: S. sollte ausziehen. Der dachte aber gar nicht daran und blieb über Wochen in der Wohnung, als wäre nichts geschehen. Es würde das Kosten-Nutzen-Verhältnis auch stark verschieben, wenn er wegen diesem Schäferstündchen hätte ausziehen müssen.

Und so kam es dann, dass M. beschloss, mitsamt dem Kind ausziehen. S. hatte wohl darauf spekuliert, dass M. diesen Schritt nicht gehen würde, hatte er sie doch quasi zu Heirat und Kind “überredet” – so berichtet zumindest Nachbarin A. Pustekuchen – da S. die Miete nicht alleine aufbringen kann, muss er nun auch bis Ende des Monats aus der Wohnung raus, derzeit schläft er dort noch auf der Matratze. Die meisten Sachen hat M. mitgenommen: Küche, Waschmaschine, Schränke. Nur das Auto ist S. noch geblieben, aber das ist wohl nur noch eine Frage der Zeit: Einen Kombi braucht er ja jetzt nicht mehr.

Die Geschichte hinterlässt bei mir Kopfschütteln: Wieder einmal gibt es da etwas, dass ich auch mit viel Wohlwollen nicht verstehen, geschweige denn nachvollziehen kann. Warum fährt man(n) 600 Kilometer weit für eine einzige Nummer und gibt dafür Ehe, Kind und Wohnung auf? So geil ist keine Frau der Welt. In meinen Augen ist das ungefähr so sinnfrei wie die Gefahr einer HIV-Infektion für ein einmaliges Unvernünftigsein.

Aber es ist ja zum Glück nicht mein Leben :-)

AirBerlin wünscht einen guten Rutsch…

Die kennen sich nämlich damit aus! *huah huah

http://www.wdr.de/themen/verkehr/strasse02/a2/100103.jhtml

Wenn zwei dasselbe tun…

Eigentlich kann ich prima ohne Handy auskommen. Das ist auch der Grund, warum ich bis heute keinen dieser Erreichbarkeits-Terroristen mein eigen nenne. Übers Jahr gesehen gibt es dann auch maximal zwei bis drei Gelegenheiten, zu denen ich gerne eines benutze: In der Silvesternacht zum Beispiel.

Bereits 2008 hatte ich versucht, auf diesem Weg Neujahrsgrüße per SMS zu meinen Verwandten in Kanada zu schicken. Leider wollte das technische Gerät meinen Wunsch nicht unterstützen und verweigerte den Dienst. Naja, dass in der Silvesternacht gerne mal die Netze überlastet sind, hat mich nicht weiter verwundert. So geriet diese Geschichte in Vergessenheit – bis gestern Nacht.

Während ich mit der Freundin auf dem Reutlinger Katzenbuckel stand und das Feuerwerk über der Stadt bestaunte, kam es mir erneut in den Sinn, meine beiden Vettern mit Grüßen aus der Zukunft zu erfreuen: Eine SMS auf Zeitreise rückwärts von 2010 nach 2009. Wieder daheim im warmen Nest habe ich sodann das Handy der Freundin okkupiert und mit dem Tippen begonnen.

Während Rockröhre Pink uns aus dem Fernseher mit ihren Songs erfreute, kämpfte ich mich durch die Tücken der Nachrichtenkomposition. Wie fügt man eine Null ein? Wieso kennt das Ding das Wort “phantastic” nicht? Nordamerikaner lieben doch Übertreibungen. Okay, vielleicht sollte ich “fantastic” mit F schreiben.

Dann der spannende Moment: Ich drücke auf “Senden”. Pling. Ein rotes Stop-Schild verhagelt mir erneut die Neujahrsfreude: “Diese Nachricht kann derzeit nicht versendet werden.” Aha. Mal wieder. Warum eigentlich? Kann das Ding mir nicht wenigstens den Grund für seine Arbeitsverweigerung nennen?

Ich komme ins Grübeln: Hat das Stop-Schild vielleicht etwas mit Zensursulas Anti-Kinderporno-Kampagne zu tun? Ich überprüfe vorsichtshalber den Text. Lauter unverdächtige Wörter. Hm. Dann fällt mir ein, was ich zwei Tage vorher in einer Zeitung gelesen habe: Die Deutschen verschicken an Silvester angeblich dreimal so viele SMS wie an anderen Tagen im Jahr. Also lag es doch an der Netzüberlastung?

Das Handy wird beiseite gelegt, wir konzentrieren uns wieder auf Pink. Auf einmal piept das Gerät. Eine SMS von einer gemeinsamen Bekannten, die gerade in London weilt, ist eingetroffen. Es scheint ja doch was zu gehen. Jetzt wird’s spannend. Wir antworten und schwupps – die Nachricht wurde verschickt. Innereuopäische Kommunikation scheint also möglich zu sein.

Mir schwant ein böser Verdacht: Hat der Netzbetreiber etwa die Kapazitäten nach Nordamerika gekappt, um der SMS-Flut in Europa Herr zu werden? Das kann doch nicht sein. Immer wieder versuche ich, die Nachrichten zu verschicken. Fehlanzeige.

Ich ersinne ein heimtückisches Experiment. Falls Sabotage im Spiel sein sollte, wird die Sperre sicher zu einer festen Uhrzeit aufgehoben, vermutlich zur vollen Stunde. Ich warte. 1:58. Nach wie vor geht nix. 2:00. Ich drücke auf “Senden”. Plöpp. “Ihre Nachricht wurde versendet.”

Fassungslos nehme ich zur Kenntnis, dass meine gewagte These korrekt war. Mir entfahren einige Ausdrücke aus dem Bereich der Fäkal-Sprache. Passenderweise lösen jetzt “Die Killers” Pink auf 3sat ab. Innerhalb der nächsten Stunde rege ich mich wieder ab.

Liebe Mobilfunkanbieter, ich kann ja verstehen, dass Ihr wegen der jährlich einmal auftretenden SMS-Flut nicht in zusätzliche Netz-Kapazitäten investieren wollt, die die restlichen 364 Tage im Jahr ungenutzt bleiben.

Aber ein Load Balancing kann man auch nach dem Prinzip 90:10 statt 100:0 einrichten. Oder sind Kunden, die SMS innerhalb Europas verschicken, etwas Besseres als Kunden, die nach Nordamerika “simsen”? Den Unterschied solltet Ihr mir vielleicht mal erklären. Wobei – ich bin ja gar kein Kunde, und deshalb habe ich sicher auch kein Recht auf eine Antwort. Wieder ein Grund mehr, mir bis auf weiteres kein solches Gerät zuzulegen.

… und noch ein Jahresrückblick

Noch zwei Tage bis Heiligabend: Alle Geschenke sind schon gekauft und eingepackt, die üblichen Rechnungen zum Jahresende sind bezahlt, der erste Schnee war da und am 24ten starte ich mit meiner Freundin zum traditionellen Weihnachts-Kurztrip nach Reutlingen.

Doch bevor es richtig los geht, bleibt noch Zeit für einen kurzen Jahresrückblick. Manche Leute finden Jahresrückblicke überflüssig. Ich hingegen denke, dass man vieles, was sich ereignet hat, schnell – vielleicht zu schnell – vergisst. Deshalb finde ich es sinnvoll, sich zu erinnern. Denn nur wenn man weiß, wo man eigentlich steht, kann man doch Pläne für die Zukunft machen.

Also: War 2009 eigentlich ein gutes Jahr? Für mich persönlich, meine Beziehung, das Land und die Welt? Spontan würde ich antworten: JA! Denn mir fallen viele richtig dicke Knaller ein:

Obama wurde im Januar tatsächlich Präsident. Um ehrlich zu sein, ich hatte Sorge, dass ihn irgendwer von der Bildfläche pustet: Christliche Fundamentalisten, erzkonservative Republikaner, Abtreibungsgegner, der Ku-Klux-Klan – die Liste möglicher Attentäter mit vermeintlichem Motiv ist lang. Aber alles ist gut gegangen.


Foto: AFP

Im März konnte ich nach fast acht Jahren meine Kusine Heidi aus Kanada wiedersehen. Sie war auf Kurzbesuch in Deutschland. Irgendwo müssen die Meilen vom Ehemann ja schließlich bleiben. Tochter Leah war auch dabei.

Nach einem kräftezehrenden vierten Semester und überstandenen Klausuren stand im Frühjahr erstmal Urlaub an: Vier Wochen tourten meine Freundin und ich mit dem Mietwagen durch den Südwesten der USA. Gerade noch rechtzeitig vor seinem Umzug in die kanadische Heimat konnten wir meinen Vetter Brian und sein fesches American Girl in Arizona besuchen. Der herzliche Umgang und die Offenheit haben mich sehr beeindruckt.

Wieder daheim konnte ich mich über ein unkompliziertes Praktikum freuen – ein wirklicher Kontrast zu dem vom Sommer davor. Und ich hatte das Gefühl, mit meinem Studium auf dem richtigen Weg zu sein.

Meine Mom hat dem Krebs wieder ein Jahr abgerungen und den Zähler auf 72 erhöht. Seitdem sie ein neues Medikament bekommt, hat sich vieles verbessert. Andere hatten nicht so viel Glück: Mein Onkel Heinz aus Kanada ist im Sommer plötzlich verstorben. 73 Jahre alt – Schlaganfall. Zur Erleichterung der gesamten Verwandtschaft wollte der alte Haudegen aber nicht in seiner Wahlheimat beerdigt werden, sondern in dem Dorf, in dem er 1936 geboren war.

So konnte ich meinen Vetter Gerry und erneut meine Kusine Heidi unerwartet in Deutschland begrüßen. Obwohl der Anlass ihrer Reise traurig war, haben wir ein paar Tage nach der Beerdigung ein spontanes Vettern-Kusinen-Treffen in Köln organisiert. So konnte ich auch die längst totgeglaubte Beziehung zu einer anderen Kusine zu neuem Leben erwecken.

Anschließend zog es uns wieder in die USA. Dieses Mal verbrachten wir 10 Tage an der Ostküste. Das Wiedersehen mit zwei alten Freunden aus einem früheren Leben war der Garant für eine gelungene Reise. Unmittelbar nach der Heimkehr: Unsere Fußball-Frauen werden Europameister. Jawoll, die können es – im Gegensatz zu den Männern. Spontan beschließen wir, uns für die WM 2011 in Deutschland um Tickets zu bemühen.


Foto: Getty Images

Das letzte Hochschulsemester gestaltete sich sehr entspannt, zumal ich bereits frühzeitig einen patenten Kooperationspartner für meine Bachelor-Arbeit gefunden hatte. Der Ausgang der Bundestagswahl war keine wirkliche Überraschung. Für eine Bewertung dessen, was sich da zusammengefunden hat, ist es jetzt noch ein bißchen früh.

Kurz nach meinem Geburtstag im Oktober hatten wir Besuch vom Bruder meiner Freundin. Er brachte seine neue Flamme mit. Selten war mir ein fremder Mensch auf Anhieb so sympathisch. Ja, ich bin wirklich von netten Leuten umgeben.

Die Übertragung der Feierlichkeiten zum 20sten Jahrestags des Mauerfalls im ZDF fand ich furchtbar. Thomas Gottschalk und die anderen Hansel haben es geschafft, diesen wichtigen Gedenktag zu versauen. Wahrscheinlich war Chefredakteur Nikolaus Brender persönlich verantwortlich und musste deshalb von Roland Koch “brutalstmöglich” abgesägt werden. Passend dazu der lächerliche Abgang von Minister Franz-Josef Jung. Irgendwann schreibe ich mal ein Buch über die Hessen-CDU.

Nach Nikolaus die ersehnte E-Mail: Wir haben Tickets für die WM 2011 in Deutschland erhalten. Insgesamt drei Spiele werden wir in Mönchengladbach zu sehen bekommen. Jetzt heißt es Geduld haben.

Letzte Woche dann der Klimagipfel in Kopenhagen: Keinerlei Kompetenz und Verantwortungsbewußtsein bei den Mächtigen dieser Welt. Ob uns die Menschen in 40 Jahren wohl fragen, warum wir die Katastrophe wider besseres Wissen nicht verhindert haben – erinnert mich irgendwie an die Sache mit dem Holocaust.

Summa summarum bin ich aber sehr zufrieden mit 2009. 2010 möchte ich einen Job finden, der mir zusagt und in eine vernünftige Wohnung in einer vernünftigen Wohnlage umziehen. Weitere Wünsche: Keine.

In diesem Sinne: Schöne Feiertage an alle und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Warum van Gogh zu Lebzeiten kein Bild verkaufte

Am morgigen Samstag ist es wieder soweit: Johannes Heesters hat Geburtstag. Wer jetzt glaubt, der Mann müsse doch schon längst tot sein, der irrt gewaltig: Jopie, wie ihn seine Fans liebevoll nennen, erfreut sich bester Gesundheit und darf morgen 106 Kerzen auf der Geburtstagstorte ausblasen.

106 Jahre alt – ganz richtig gelesen. So alt werden wahrlich nicht viele Leute. Und der Mann arbeitet noch. Nicht, weil er es nötig hätte. Auch nicht, weil ihn seine 46 Jahre jüngere Frau Simone Rethel auf die Bühne scheucht. Nein, Jopie will das so. Damit hält er sich nach eigener Aussage fit und bleibt frisch im Kopf. Johan Marius Nicolaas Heesters, wie der Niederländer eigentlich heißt, ist damit der älteste aktiv darstellende Künstler. Seit über 80 Jahren steht er auf der Bühne und denkt nicht ans Aufhören.

Ich muss zugeben, dass mich solche uralten Leute irgendwie faszinieren. Nicht aufgrund ihrer Persönlichkeit oder ihrer Lebensleistung, sondern einfach bloß aus der Tatsache heraus, dass sie eben so alt sind. Die magische Grenze, bei der sich diese Faszination bei mir einstellt, liegt bei 90 Jahren. Obwohl natürlich längst nicht jeder Mensch so alt wird, ordne ich “jüngere” Leute gefühlsmäßig noch als “im normalen Rahmen” ein. Logisch begründen kann ich das aber nicht.

Um sich zu verdeutlichen, wie lange diese Menschen schon auf der Erde wandeln, ist ein Blick in den Geschichtskalender ganz hilfreich: Sie haben den Zweiten Weltkrieg überlebt, die Nazi-Zeit ertragen, die Weimarer Republik miterlebt. Die ganz Alten haben sogar noch den Ersten Weltkrieg miterlebt und sind in der Kaiserzeit zur Schule gegangen.

Meine Oma beispielsweise, Jahrgang 1908, ist noch komplett zu Zeiten Wilhelms II. sozialisiert worden. Einer ihrer Lieblingssprüche war: “Man darf nicht aufbegehren gegen die Obrigkeit.” Klingt wie aus einer anderen Welt. Trotzdem hat sie noch das 21. Jahrhundert erreicht, wenn auch nur für sechs Tage. Anfang 2001 ist sie mit knapp 93 Jahren gestorben. Ihr Mann, Jahrgang 1907, war da schon fast 30 Jahre tot. Meine Großeltern väterlicherseits, geboren 1903 und 1907, sind hingegen sehr früh gestorben: Der Opa mit 57, die Oma sogar schon mit 44. Innerhalb einer Generation sind das schon gewaltige Unterschiede.

Wer sich näher mit diesem Thema beschäftigt, der findet relativ schnell heraus, dass bei Wikipedia lange Listen geführt werden, die akribisch jeden einzelnen Menschen auflisten, der 100 Jahre oder älter ist. Es gibt auch Ranglisten, wer jeweils gerade der älteste lebende Mensch auf der Erde ist und zusätzlich eine “Ewigenliste”, in der Altersrekorde aufgeführt sind.

Für die Über-110-Jährigen gibt es die englische Bezeichnung “Supercentenarian”. Laut Wikipedia erreicht nur jeder Tausendste Über-100-Jährige überhaupt diese magische Schwelle. Von den Supercentenarians schaffen es dann gerade einmal noch zwei Prozent, 115 Jahre oder älter zu werden.

Der älteste lebende Mensch, für den es eine amtliche Bestätigung über den Tag der Geburt gibt, ist derzeit die Japanerin Kama Chinen. Sie wurde am 10. Mai 1895 geboren, ist also 114 Jahre alt. Ihr dicht auf den Fersen ist die in Kanada geborene Amerikanerin Mary Josephine Ray, die nur eine Woche jünger ist.

Im September war die bisherige Spitzenreiterin gestorben, die Amerikanerin Gertrude Baines. Sie wurde am 6. April 1894 geboren und starb im Alter von 115 Jahren und 158 Tagen. Ihre Eltern waren laut eigenen Aussagen noch Sklaven gewesen. Weiterhin gab Frau Baines an, nur zweimal in ihrem Leben an einer Präsidentenwahl teilgenommen zu haben: In den 60igern hat sie für Kennedy gestimmt und 2008 für Obama. Als dieser dann Präsident wurde, erklärte sie, nun in Ruhe sterben zu können.

Der nachgewiesenermaßen älteste Mensch, der jemals gelebt hat, ist die Französin Jeanne Calment. Sie lebte von 1875 bis 1997 und wurde damit 122 Jahre alt. Als 14jähriges Mädchen hat sie in dem Laden für Malerbedarf, in dem sie arbeitete, Vincent van Gogh als Kunden bedient. Laut Frau Calment war er “schmutzig, schlecht gekleidet und unhöflich”. Möglicherweise war das der Grund, warum er zu Lebzeiten kein einziges seiner Bilder verkauft hat??
Jeanne Calment hat in ihrer eigenen Wohnung gelebt, bis sie 110 war. Später, im Altenheim, hörte sie erst mit 119 mit dem Rauchen auf – weil sie mittlerweile vollständig erblindet war und keine fremde Hilfe zum Anzünden von Zigaretten in Anspruch nehmen wollte.

Am 25. Juli 2009 ist der letzte noch lebende Teilnehmer des Ersten Weltkrieges gestorben: Der Brite Harry Patch, geboren am 17. Juni 1898, wurde 111 Jahre alt und hat somit insgesamt in drei Jahrhunderten gelebt. Aufgrund seines hohen Alters überlebte er alle drei Ehefrauen und seine beiden Söhne.

Bleibt nur noch die Frage, ob das Leben in solch biblischem Alter auch für die alten Menschen selbst noch so unterhaltsam ist, wie die Anekdoten, die über sie zu berichten sind. Und damit sind wir zurück bei Johannes Heesters.
Offenbar kommt es darauf an, was die Leute aus ihrer Situation machen. Wenn sie es schaffen, sich geistig fit zu halten, dann scheint das Leben für sie wohl noch äußerst lebenswert zu sein. Wenn Herr Heesters vor 25 Jahren beschlossen hätte, in Rente zu gehen und nicht mehr regelmäßig aufzutreten, dann wäre er vermutlich schon längst tot.

Insofern wünsche ich “Jopie” weiterhin viel Spaß im Leben. Soviel Spaß, wie er sich in diesem Witz ausdrückt:

Bei Jopie Heesters klingelt es. Jopie macht auf und der Tod steht vor der Tür. Da wendet sich Jopie ins Innere des Hauses und ruft: “Simone, ist für Dich!”

Real-Satire auf Phoenix

Dieter Nuhr, Atze Schröder, Mario Barth und Ralph Schmitz – solche Vertreter des Blödelgewerbes, neudeutsch auch Comedians genannt, sehen sich die Leute gerne an, wenn sie mal wieder aus vollem Herzen lachen wollen.

Über die Qualität der dort gebotenen Unterhaltung liesse sich vortrefflich streiten: Manch einem reichen die Comedians völlig aus, andere wiederum erleben einen vergnügten Abend eher bei politischem Kabarett im Stile eines Urban Priol, Volker Pispers oder Georg Schramm.

Doch es gibt noch eine dritte Alternative, die nicht minder unterhaltsam ist, wenn sie nicht sogar auf Platz eins liegt: Die Politik selbst. Gerade in letzter Zeit macht sie als Real-Satire wieder gehäuft Schlagzeilen.

Da wird einer designierten CDU-Ministerpräsidentin in Thüringen im ersten und im zweiten Wahlgang die erforderliche Stimmenmehrheit verweigert, obwohl vorher ein Koalitionsvertrag ausgehandelt wurde. Ein versteinertes Gesicht schaut mich aus dem Fernseher an: Wird Christine Lieberknecht die zweite Heide Simonis? Landtagspräsidentin Birgit Dietzel unterbricht die Sitzung. Spannung. Was passiert nun? Jeder halbwegs klar denkende Mensch müsste jetzt eingedenk der Ereignisse in Kiel 2005 hinschmeißen und sich so das letzte bißchen Würde bewahren.

Aber so funktioniert Politik nicht. Stattdessen tritt Frau Lieberknecht zum dritten Wahlgang erneut an und hat plötzlich einen Gegenkandidaten von der Linkspartei. So funktioniert Politik. Bodo Ramelow hofft auf Abweichler aus der SPD-Fraktion und will durch die Hintertür doch noch Ministerpräsident werden – nachdem die SPD einem rot-rot-grünen Bündnis zuvor eine Abfuhr erteilt hatte.

Cleverer Schachzug? Mitnichten! So funktioniert Politik nicht. Um sicher zu gehen, dass Herr Ramelow die Abstimmung verliert, verschenkt die FDP-Fraktion ihre Stimmen an Frau Lieberknecht. Damit erhält sie nun mehr Stimmen als in den Wahlgängen zuvor, obwohl ihr jetzt die einfache Mehrheit gereicht hätte. So funktioniert Politik – und nicht anders.

Ich sitze vor dem Fernseher und frage mich, ob Phoenix der neue Comedy-Channel der Öffentlich-Rechtlichen ist.

Oder diesen Sommer: Das Bundesverfassungsgericht verkündet sein Urteil zum EU-Vertrag von Lissabon. Bundestag und Bundesrat hatten ihn bereits 2008 durchgewunken und entsprechende Begleitgesetze erlassen. Dafür wurde das Parlament nun von den Verfassungsrichtern gerüffelt: Die Abgeordneten hätten zu leichtfertig zugestimmt und damit ihre eigenen Einflussmöglichkeiten auf die Europapolitik ohne Not hergegeben.

Folge: Die Parlamentarierer müssen in der Sommerpause nachsitzen und auf Anweisung von oben eine Strafarbeit, sprich ein besseres Gesetz schreiben. Bundestag statt Badestrand: Das muss weh tun.

Dann vor ein paar Tagen: Der neue und alte Bundestagspräsident Norbert Lammert weist in seiner Antrittsrede die Abgeordneten mit erhobenem Zeigefinger darauf hin, wie ihr Job im Bundestag funktioniert: “Nicht die Regierung hält sich ein Parlament, sondern das Parlament bestimmt und kontrolliert die Regierung.”
Die Erwähnung einer solchen Selbstverständlichkeit ist so traurig, dass sie schon wieder lustig ist.

Und jetzt Opel – ach herrje, schon wieder Opel!
Da bemühen sich Politik, der Konzern und die Gewerkschaften über ein Jahr lang um eine Lösung, da wird leidenschaftlich gestritten und gerungen, und schließlich ist ein Kompromiss gefunden, der zwar weh tut, aber unvermeidbar scheint. Und dann? Alles zurück auf Null. Der Verwaltungsrat von General Motors in Detroit, seit der Verstaatlichung des Konzerns mit fachfremden Politikern aus Obamas Truppe besetzt, hat es sich mal eben anders überlegt. Chapeau!

Schade, dass es im Airbus der Flugbereitschaft keine Live-Cam gibt: Den Wutanfall von Frau Merkel hätte ich gerne gesehen. Als Zugabe hätte ich mir noch gewünscht, dass sie nach vorne ins Cockpit stürmt und dem Piloten mitten über dem Atlantik zuraunt: “Dreh um!”

Und so dürfen alle gespannt sein, was sich als nächstes tun wird in der großen Politik. Eins steht aber schon fest: Dieses Entertainment gibt es für lau und frei Haus – einfach mal Phoenix gucken ab und zu. Vielleicht schaffen wir es auf diesem Weg, die Politikverdrossenheit in Deutschland abzubauen.

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